Die wichtigsten Merkmale des Gotischen
Die Aussprache
Manche Buchstaben werden im Gotischen anders ausgesprochen als im Niederländischen (z.B. entspricht dem <u> im Gotischen - ebenso wie dem deutschen <u> - das niederländische Graphem <oe>).
Weiters gibt es auch Laute, die im Niederländischen nicht mehr zu finden sind, z.B. wird <d> ausgesprochen wie <th> im englischen "then" (z.B.: þiudinassus = 'Königreich') und <þ> realisiert wie <th> im englischen "thin" (z.B.: þata = 'das', 'dieses', 'jenes'). Das <q> wird ausgesprochen als eine Art "kü", ein k mit gleichzeitiger Lippenrundung (z.B.: qimai = 'komme').Wie alle germanischen Sprachen hat auch das Gotische einen Beginnakzent.
(vgl. Van Bree, 1996: 37)
Die Nomina
Im Gotischen gibt es fünf Fälle:
- Nominativ: für Substantive, die im Satz als Subjekt fungieren
- Genetiv: drückt Besitzrelationen aus
- Dativ: für Substantive, die die Funktion eines indirekten Objektes erfüllen
- Akkusativ: für Substantive mit der Funktion eines direkten Objektes
- Vokativ: für die angesprochene Person (meist gleich dem Nominativ)
Substantive
Die Fallendungen hängen weiters davon ab
- zu welchem Stamm ein Wort gehört: Es gibt u.a. a-, ja-, o-, i-, u- und n- Stämme.
Diese Namen beziehen sich auf das rekonstruierte Urgermanisch (z.B. Vogel: "fugls" hat einen a-Stamm, nach dem urgermanischen Wort: *fuglaz).
- zu welchem Geschlecht (Genus) ein Wort gehört:
Die gotische Sprache hat männliche, weibliche und sächliche Wörter.
- ob das Wort im Singular oder Plural steht.
Adjektive
Das Akjektiv hängt bezüglich Geschlecht, Zahl und Fall vom Substantiv ab.
Weiters unterscheiden sich die Endungen nach
- dem Stamm, zu dem ein Adjektiv gehört (wie bei den Substantiven)
- schwacher Flexion (für Vokativ und nach einem bestimmten Fürwort) oder starker Flexion (in allen anderen Fällen)Pronomina
Die Artikel und das Demonstrativpronomen
Der bestimmte Artikel ist eine neue, wesentliche Entwicklung im Germanischen. Er ist aus dem Demonstrativpronomen entstanden und hat im Gotischen noch dieselbe Form (sa = 'der', 'dieser', 'jener'; þata = 'das', 'dieses', 'jenes'; so = 'die', 'diese', 'jene'). Es kann allein aus dem Zusammenhang erkannt werden, ob es sich in dem jeweiligen Fall um einen bestimmten Artikel handelt.
Der unbestimmte Artikel besteht noch nicht.Das Possessivpronomen
Sie werden nach der starken Flexion der Adjektive gebeugt.Das Personalpronomen
Die gotische Sprache kennt die 1., 2. und 3. Person und drei Zahlunterscheidungen.
Neben Singular und Plural gibt es noch einen Dualis, eine Form für die Angabe von zwei Personen (wit = 'wir beide').
Das vertrauliche "du" sowie das höfliche "Sie" werden beide durch ein und dieselbe Form in der zweiten Person ausgedrückt. Es besteht noch kein eigenes Fürwort.
(vgl. hierzu auch das Kasussystem im Mittelniederländischen)
Die Verben
An einem Zeitwort kann man ablesen:
- die Person (1.,2.,3.) und die Zahl (sing., dualis, plur.)
Ein persönliches Fürwort wird nur zum Ausdruck von Betonung oder Gegensatz verwendet, ansonsten genügt die konjugierte Form des Verbums.
- den Modus: Das Gotische kennt den Indikativ, den Imperativ und den Konjunktiv.
- die Zeit: Es gibt hier nur zwei Formen, nämlich das Präsens für das gegenwärtige und das zukünftige Geschehen, und das Präteritum für die vergangene Zeit (es gibt noch keine analytischen Verbformen, wie z.B. "getan haben").
Das Präteritum kann auf verschiedene Arten gebildet werden:
a) allein durch Vokaländerung (starke Zeitwörter), diese Form geht auf die indoeuropäische Sprache zurück.
b) durch Anfügung eines Dentalsuffixes (schwache Zeitwörter) mit <d> (= englisches then) oder <þ> (= englisches thin).
Schwache Zeitwörter sind eine Innovation der germanischen Sprachen.
c) durch Reduplikation (z.B. schlafen: slepan - saislep - saislepum).
Starke und schwache Verben sind typisch für alle heutigen germanischen Sprachen.
(vgl. hierzu auch die Charakterisierung der germanischen Sprachfamilie)- die aktive und passive Form: Es gibt aktive und passive Verbformen, außer für das passive Präteritum, welches mit Hilfe eines anderen Zeitwortes (wisan = 'sein' oder wairþan = 'werden') und einem zweiten Partizip gebildet wird (daupiþs was = 'er wurde getauft'). Hier kann man einen Anfang der Entwicklung von einer synthetischen zu einer analytischen Sprache erkennen, wie sie für alle westgermanischen Sprachen kennzeichnend ist.
(vgl. hierzu auch das Verbum im Mittelniederländischen)Von einem Sprachstadium mit diesen Merkmalen sind die wichtigsten Entwicklungen hin zu den heutigen westgermanischen Sprachen: der Verlust des Stammunterschieds bei den Substantiven als Folge der starken Betonung der ersten Silbe (vgl. Flexionsverlust im Mittelniederländischen) und die Entwicklung zu einer stets analytischeren Sprache, von der wir bereits einen Anfang an der Formung des passiven Präteritums sehen konnten. (vgl. Van der Wal, 1992: 3.12. - 3.19. und Van Bree, 1977: 6-9)